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Preisverleihung museumssterne***
am Donnerstag, 13. November 2008,
im Kunstmuseum Basel, Museum für Gegenwartskunst


Rede des Gastjurors 2008

Marc F. Suter

Rollstuhlfahrer
e. Nationalrat

Lassen Sie mich ins Jahr 1973 zurückblenden und Ihnen von einem prägenden Erlebnis erzählen. Sie werden dann besser verstehen, was Zugang, Teilhabe und Gleichberechtigung für unsereins bedeutet.

Es war Samstagabend im Sommer 1973. Ich wollte mit meiner damaligen Freundin erstmals nach meinem folgenschweren Verkehrsunfall vom 18. Januar in den Ausgang. Ich war erwartungsfroh, gespannt, freudig - nach Monaten der Trauer, der Schmerzen, der Ängste - erstmals wieder an einem Samstagabend in die Stadt zu gehen. Das Tram war nicht benutzbar. Auch ein Taxi wollte uns nicht mitnehmen. So rollte ich vom Paraplegiker-Zentrum im Burgfelderhof mit Hilfe meiner Freundin in die Stadt. Eine recht beschwerliche Fahrt mit der brennenden Frage im Hinterkopf, wie wird der Abend, wie kommen wir wohl zurück. Na ja, es war die Zeit, wo ich wieder Hoffnung schöpfte, an eine neue - andere - Zukunft glaubte, Vertrauen in meine Fähigkeiten zurück gewann und dankbar war für das, was ich noch hatte, an den eingetretenen Verlusten arbeitend. Kurzum, in voller Auseinandersetzung mit dem erlittenen Schicksalsschlag, froh zu spüren, wie die Lebenskraft sich zurückmeldete.

Wir wollten ins Kino. Andere Möglichkeiten für eine Rückkehr in die Normalität standen eigentlich nicht offen. Es tat gut, in der Kolonne mit anderen auf das Billet zu warten. Alles ganz natürlich und freundlich. Niemand warf gross Blicke auf meinen Rollstuhl. An der Kasse dann die kalte Dusche. Für mich gebe es keinen Zutritt, Feuerpolizei, Mittwochnachmittag solle ich kommen. Es war nichts zu machen, auch nicht von den anderen Wartenden, die sich kopfschüttelnd mit uns solidarisierten.

Ich war am Boden zerstört, den Tränen nahe. Da kommt sofort eine Welle hoch, die unbekannte Erfahrung der Ausgrenzung, der Ungerechtigkeit, der Vorurteile, der Rückweisung. Anstatt ein freudiger Kino-Abend ein Scherbenhaufen.

Eine Basler Grossrätin war auch in der Schlange. Sie hat dann mächtig auf den Putz gehauen. Diese von allen Wartenden geteilte Unterstützung war ein Trost, ein Aufsteller. Ich gehöre dazu, bin gleich, die Leute durchschauen den Unsinn mit der Feuerpolizei und wenden sich gegen die hautnah miterlebte Diskriminierung.

Fast 40 Jahre später haben sich die Verhältnisse gebessert. Tram und Zug sind zugänglich, der Kinobesuch - zumindest in Basel - selbstverständlich. Der Anspruch auf Gleichbehandlung ist unbestritten. Viele bauliche, administrative und psychologische Barrieren, die den Zugang und die Teilhabe behindern, sind beseitigt. Wir müssen uns nicht mehr rechtfertigen, wenn wir diese Barrieren weg haben wollen - die Beweislast ist auf die andere Seite übergegangen.
Und es gibt durchaus Situationen, wo der Zugang nicht oder noch nicht möglich ist. So ist es zum Beispiel im Basler Pharmaziemuseum. Unsere Jury hat die dortigen, besonderen Anstrengungen zur Integration von Besuchern mit geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen gewürdigt. Der Anerkennungspreis ist als Aufmunterung gedacht, auf dem eingeschlagenen Weg voran zu schreiten. Die Richtung stimmt. Eines Tages wird auch dieses Museum für den Rollstuhl zugänglich sein. Und dann bekommt es - so bin ich überzeugt - einen museumsstern***.

Diese Ehre wird dieses Jahr dem Puppenhasumuseum zuteil. Es verdient den museumsstern*** nicht nur aber zunächst vor allem wegen der vorbildlichen Zugänglichkeit, und zwar nicht nur für Rollstuhlfahrer sondern auch für Blinde, die dank der akkustischen Informationsvermittlung der Ausstellung folgen können. Der freie Zugang ist Voraussetzung für den Museumsbesuch. Die Teilhabe an der Kultur ist für alle ein zentraler Lebensquell. Gerade der kulturelle Raum bietet die Möglichkeit des Ausgleichs von mannigfaltigen Einschränkungen im Alltag. Dieser Raum kennt keine Grenzen, weshalb seine freie Zugänglichkeit ein Privileg der Demokratie ist.

Das Puppenhausmuseum wird freilich noch aus einem anderen Grund geehrt. Es hat eine Sonderausstellung der Unternehmerin Margarethe Steiff gewidmet. Dieses Interesse für eine aussergewöhnliche Frau, die es trotz widriger Umstände geschafft hat, ist wertvoll und aufbauend. Es wird so einer Person Respekt gezollt, die mit grosser Willensanstrengung, Intelligenz, Kreativität das Korsett ihrer Krankheit - Kinderlähmung - und ihrer Zeit gesprengt hat. Dieses Beispiel gibt ähnlich Betroffenen Kraft und Hoffnung, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. An ihre Chance zu glauben, aus ihren verbliebenen Fähigkeiten das Beste zu machen, Vertrauen in sich und in das Gute dieser Welt zu schöpfen.

Als Rollstuhlfahrer danke ich den Verantwortlichen und Förderern des Puppenhasumuseums für dieses Engagement. Ich gratuliere ihnen zu ihrer Offenheit und Solidarität. Diesen Basler Geist verspürte ich vor vielen Jahren in der Warteschlange vor dem Kino am Marktplatz und seither immer wieder, zuletzt in der Jury zur Vergabe des diesjährigen museumssterns***.

Es ist schön in Basel zu sein, es ist schön, heute Abend unter Ihnen zu sein. Danke!

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