museumssterne | museen basel offen für behinderte

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Preisverleihung museumssterne***
am Mittwoch, 10. November 2010,
im Historischen Museum Basel, Barfüsserkirche


Rede der Gastjurorin 2010

Christine Ginsberg

Museum Rietberg, Leitung Marketing/PR
Vorstandsmitglied Verein Zürcher Museen

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Jury-Mitglieder

Seit ich das erste Mal vom Projekt museumssterne*** gehört hatte, war ich fasziniert von der Idee, auf diese Weise die Museen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, um eine kulturelle Zugänglichkeit für alle zu fordern und zu fördern.

Anlässlich der letzten Generalversammlung der Zürcher Museen hatten wir deshalb Beat Ramseyer eingeladen, das Basler Projekt vorzustellen. Die museumssterne*** stiessen auf reges Interesse. Viele Anwesende nahmen die Gelegenheit wahr, Fragen zu stellen: Der Informationsbedarf nicht nur in der Öffentlichkeit sondern gerade auch in den Museen scheint auch heute noch enorm hoch.

Dass in unserer zunehmend alternden Gesellschaft das Thema Mobilitätsbehinderung mehr und mehr uns alle betrifft, war für viele bisher kaum ein Thema. Die einhergehende Zunahme von Seh-, Hör- und Mehrfachbehinderungen und daher auch die zentrale Bedeutung gut lesbarer Beschriftungen, klarer Signaletik und freier Zugänglichkeit leuchtete allen ein.

Dass Kultur für alle zugänglich sein soll, ist zwar unumstritten, dass jedoch wir alle selbst von Einschränkungen betroffen und auf Barrierefreiheit angewiesen sein könnten, wird im Alltag offensichtlich viel zu oft ausgeblendet.

Obwohl gesellschaftliche Teilhabe und die Solidarität mit Betroffenen so oder so selbstverständlich sein sollte, ist wohl gerade diese potentielle Mitbetroffenheit der beste Motor, dieses Projekt auch in Zürich in Gang zu bringen.

Dass ausserdem beispielsweise von tiefer gesetzten Vitrinen, auch Kinder profitieren und barrierefreie Ausstellungen letztlich einer Mehr- und nicht einer Minderheit zu Gute kommen, veränderte für viele die bisherige Sichtweise.

Dass eine barrierefreie Gestaltung, einer Ausstellungsästhetik abträglich sein könnte, ist hingegen eines der Vorurteile, das immer noch in den Museen herumgeistert. Gerade ein Projekt wie die museumssterne*** ist ein Anreiz, durch die intensive Auseinandersetzung und den zentralen Einbezug bereits bei Planungsbeginn, ein Umdenken zu erzielen.

Laut europäischen Studien ist denn auch eine barrierefrei zugängliche Umwelt für etwa zehn Prozent der Bevölkerung zwingend erforderlich, für bis zu 40 Prozent immerhin notwendig und für 100 Prozent schlicht komfortabel.

Oder wie es der Berliner Architekt Philipp Meuser in seinem 2009 erschienen Leitfaden zur Ästhetik barrierefreier Architektur auf den Punkt bringt: "Weil sich das Bedürfnis nach Bequemlichkeit nicht auf eine Minderheit beschränkt, ist Barrierefreiheit nicht mehr nur eine Aufgabe für Randgruppen, sondern Ausdruck der Emanzipation einer ganzen Gesellschaft."

Zurück zur Zürcher GV: im Anschluss an das aufschlussreiche Gespräch wurde einstimmig beschlossen, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die an der GV 2011 ein Grobkonzept für ein Nachfolge-Projekt in Zürich vorlegen soll.

Erste Vorgespräche fanden bereits statt. Der Leiter der schweizerischen Fachstelle für hindernisfreies Bauen, Joe Manser und Olga Manfredi, Geschäftsleiterin der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich, haben Interesse bekundet und uns Ihre fachliche Unterstützung zugesichert.

In den nächsten Wochen trifft sich die Zürcher Arbeitsgruppe aus verschieden Museumsvertretern zur Planung des weiteren Vorgehens. In welcher Form eine Weiterführung des Basler Projekts stattfinden soll, ist noch offen.

Oberstes Ziel ist in jedem Fall die nachhaltige Sensibilisierung der Museen: bauliche oder inhaltliche Optimierungen, innovative und integrative Vermittlungsprojekte - kurz, barrierefreie Museen und die barrierefreie Gesellschaft überhaupt, sollen - wie dies auf Gesetzesebene seit 2004 gefordert wird - zur gelebten Selbstverständlichkeit werden.

Dass ich dieses Jahr als Gastjurorin in Basel dabei sein durfte, hat mich besonders gefreut: Einerseits habe ich noch selten derart konstruktive Sitzungen erlebt. Die Diskussionen in diesem Gremium von Fachleuten verschiedenster Sparten waren ausserordentlich spannend und bereichernd. Unter der souveränen Leitung von Beat Ramseyer wurde lebhaft diskutiert und überraschend schnell ein Konsens gefunden. Vor allem aber habe ich natürlich für die weitere Aufbauarbeit in Zürich wichtigen Sachinput erhalten und eine wertvolle Innensicht gewonnen.

Die Zusicherung des Projektteams, jederzeit auf sein jahrelang erarbeitetes Fachwissen zurückgreifen zu dürfen, stimmt mich zuversichtlich: Wir werden so ein auf Zürich zugeschnittenes Projekt - unter Miteinbezug des Vorwissens von Basel - in einem vernünftigen Zeitrahmen entwickeln können.

Ebenfalls viel versprechend ist sicherlich, dass einer der städtischen Legislaturschwerpunkte für 2010-14 Zürich als Kultur- und Kreativstadt vorsieht. Daneben legt der Stadtrat für die laufende Legislatur einen Fokus auf "Menschen mit Behinderung". Mir scheint, dass ein "museumssterne*** Zürich" eine ideale Verbindung dieser beiden Schwerpunkte darstellt und wir mit unserem Anliegen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind.

Nach diesem Ausblick über eine mögliche Fortführung des Projekts in Zürich, möchte ich wieder nach Basel zurückkehren.

Ganz herzlich gratuliere ich den Preisträgern und Teilnehmern des diesjährigen Wettbewerbs: es ist nur zu erahnen, wie viel Einsatz und komplexe interne Prozesse hinter jedem Projekt und jeder Eingabe stecken.

Bei der Präsentation der Projekte wurde mir bewusst, dass Institutionen wie das Naturhistorische Museum Basel, genau das vorleben, was Ziel der museumssterne *** war und was solche Projekte künftig überflüssig machen wird, da dies längst zur selbstverständlichen Normalität und zum integralen Bestandteil
der Besucherorientierung in den Museen geworden ist - oder wie der in der Vorrede bereits erwähnte wissenschaftliche Mitarbeiter
so schön formulierte: "bei uns ist dies längst zum Credo des Hauses geworden."

Ich wünsche der Projektguppe für das weiterführende Engagement auch über den Projektabschluss hinaus viel Beharrlichkeit und alles Gute! Auf dass durch ihren Einsatz noch so manch ähnliches Credo an anderen Orten folgen wird!

Herzlichsten Dank zudem an alle Jurymitglieder für die äusserst inspirierende Zusammenarbeit!

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